#Ausbildung erleben 30. Mai 2023

Lernausflug an einen Lost Place

Alte Industriestandorte sind schon an sich spannende Orte. Und wenn es um ein ehemaliges Kraftwerk geht, ist das perfekt für angehende Elektroanlagenmonteur*innen, die Technik einmal hautnah zu erleben. Über einen Lernausflug der besonderen Art berichtet unser Ausbilder Andreas Otto.

Das ehemalige VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe „Kraftwerk Plessa“ ist schon ein ganz besonderer Lost Place, denn hier können Anlagen zur Verwertung und Veredelung von Braunkohle aus über hundert Jahren Technikgeschichte bestaunt und erkundet werden. Aus diesem Grund nahm ich mit Erlaubnis des Eigentümers meine Azubis aus den Berufen Elektroanlagenmonteur (m/​w/​d) und Mechatroniker (m/​w/​d) mit auf brandenburgische Entdeckungstour. Der Lernausflug passte ideal zum Ausbildungskurs „Hausanschlusstechnik“, der zum Stoff des zweiten Lehrjahres gehört.

Wie sehen Leistungsschalter von innen aus, was ist eine Drosselspule, wie wurden Schaltanlagen früher verdrahtet, wie funktionieren Stahlmantelkabel oder wie unterscheidet sich der Arbeitsschutz von damals von den heutigen Standards? Fragen, denen unsere Azubis am „lebenden“ Objekt nachgehen konnten. Darüber hinaus lernten sie auch so einiges über die Wirtschaftsgeschichte der ehemaligen DDR und die Entwicklung nach der deutschen Wiedervereinigung. Der Kraftwerkskomplex wurde schon zu Zeiten der DDR unter Denkmalschutz gestellt und konnte daher als „Besucherkraftwerk“ erhalten bleiben.

Eine Besonderheit des Kraftwerks Plessa ist, dass zu seinen Betriebszeiten die Rohkohle aus der Lausitz über eine eigene Werksbahn transportiert wurde. Von den dazugehörigen Lokomotiven gibt es weltweit nur noch vier Exemplare. Die Schächte (links auf dem Foto) wurden benutzt, um die Rohkohle abzukippen und sie der Stromgewinnung zuzuführen.

Anschließend transportierte man die grobe Kohle über scheinbar endlose Förderbänder weiter und zerkleinerte sie für den Verbrennungsprozess mit Brechern. Spannend war dabei, dass die Oberleitungsanlagen, die den Schlitten (Ein Schlitten, der die Kohle bündelt. Sonst würde sie aus dem Schacht über das Band und somit viel danebenfallen.) mit Strom versorgten, direkt unter der Hallendecke entlanggeführt wurden. Da die meisten Schaltschränke offenstanden (gebaut nach TGL – Technische Normen, Gütervorschriften und Lieferbedingungen der DDR), konnten wir alles ganz genau in Augenschein nehmen.

Der Schaltschrank, den sich Azubi Andreas hier genauer anschaut, enthält bspw. mehrere Schützschaltungen. Moderne Schützschaltungen werden als geschlossene Komponenten verbaut. Bei diesem historischen Exemplar konnten wir jedoch alle Funkenlöschkammern, Magnetspulen und Schaltkontakte offen sehen und bewegen. Da geht auch jedem Ausbilder das Elektrikerherz auf.

Im hinteren Teil des Kraftwerks befanden sich die Brennkammern. Auf solchen Schaltwarten (Bilder oben) wurden die Prozesse überwacht und bspw. mit Barometern der Druck innerhalb der Brennkammern kontrolliert. Da es hier noch keine digitalen Aufzeichnungen gab, hat man die Druckentwicklung auf Papierrollen dokumentiert.

Noch einmal komplexer wurde es dann im Herzstück der Anlage, dem zentralen Schaltraum. Dieser ist immer noch so gut erhalten, als wären die damaligen Beschäftigten nur kurz in die Mittagspause gegangen. Hier konnte ich meinen Azubis direkt am „offenen Herzen“ zeigen, wie damals mit analogen Messgeräten Blindleistung, Scheinleistung, Herzfrequenz und der elektrische Strom gemessen wurden.

Spannend waren auch die vielen noch zugänglichen mechanischen Komponenten der Stromerzeugung. Die Turbinenräder, mit denen Bewegungsenergie in elektrische Energie umgewandelt wird, mussten z. B. einen Druck von sage und schreibe 48 t standhalten, der durch den komprimierten Wasserdampf erzeugt wurde. Ein Blick in die dafür notwendigen Elektromotoren sieht man sonst nur in Lehrbüchen. Hier konnte ich meinen Azubis direkt am Objekt erklären, wie das funktioniert. Das Stichwort heißt hier Induktivität. Wenn ein Eisenkern durch die Rotation der Turbine in einer Spule bewegt wird, entsteht ein magnetisches Feld. Das wiederum induziert eine Spannung und der Strom fließt. Dieses Prinzip finden wir bei allen Transformatoren und elektrischen Maschinen. Die Maschine hier (Bild oben) wurde von Kupferdieben geöffnet – daher fehlen die sonst typischen Kupferstränge der Spule.

Zum Abschluss statteten wir noch der Schaltwarte einen Besuch ab. Dabei hat uns vor allem die Dimension des Energieverteilungssystems erstaunt. Hier habe ich unseren Azubis erläutert, warum die Außenleiter (Bild oben) in unterschiedlichen Farben gestrichen wurden, was sich hinter den Begriffen Netzdrossel, Kurzschlussfestigkeit sowie größtmöglich auftretender Kurzschlussstrom verbirgt und warum der Kurzschlussstrom einer elektrischen Anlage ausschlaggebend ist. Kleiner Tipp: Er gibt der elektrischen Anlage ihr „Gesicht“. Das Energieverteilsystem, das wir uns hier angeschaut haben, ist eigens für das Kraftwerk gedacht gewesen, denn selbiges hat einen beeindruckenden Eigenverbrauch von acht Megawatt.

Wir hätten sicher noch Tage an diesem Lost Place verbringen können. Doch irgendwann geht auch der schönste Ausflug zu Ende. Wir haben das Kraftwerk aber auch mit gemischten Gefühlen verlassen. Denn es ist höchstwahrscheinlich das einzige noch so erhaltene Kraftwerk dieser Art – und wer weiß, wie lange noch.

Ich persönlich habe mich sehr über die Wissbegierde meiner Schützlinge gefreut und auch selbst viel dazugelernt. Ich bin stolz, dass solche Ausflüge bei SPITZKE möglich sind, denn die Ausbildung ist eine schöne Zeit, an die man sich später im Berufsleben gern zurückerinnert.

Andreas Otto ist Ausbilder für Elektroberufe. In seiner Freizeit zieht er gern mit seiner Kamera los. Eines seiner Lieblingsmotive sind „Lost Places“, insbesondere aufgegebene Industriestandorte. „Es ist, als ob an diesen Orten die Zeit keine Rolle spielt und sie einen stattdessen in die Vergangenheit führen. Ich stelle mir dann oft vor, wie es war, als an diesen Lost Places noch Menschen gelebt haben, ihrem Beruf nachgegangen sind oder sich Gedanken über die Zukunft gemacht haben.“, sagt er.

#Ausbildung erleben